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Digitale Kommunikation: Fast die Hälfte der Städte sind nicht auf Krisen vorbereitet

Ergebnis einer Studie zeigt: Die Mehrheit der Kommunen agiert strategielos in ihrer digitalen Kommunikation. Das Bewusstsein für Handlungsbedarf ist aber vorhanden.

Icon: KalenderKöln/Düsseldorf, 21. April 2020

Deutschland befindet sich wie die meisten anderen Länder im Corona-Modus. Eines der wichtigsten Gegenmittel, um die Ausbreitung des Virus zu begrenzen, ist gelungene Kommunikation. Und hier ist es vor allem die Kommunikation vor Ort, die entscheidende Impulse setzt. Doch wie ist es um die Kommunikation von Städten und Gemeinden im digitalen Zeitalter bestellt? Das Düsseldorfer Beratungsunternehmen Rico Jones ist dieser Frage nachgegangen und legt auf der Basis einer an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durchgeführten wissenschaftlichen Studie eine Reihe von Antworten vor. Demnach hat sich in Sachen digitaler Kommunikation in den vergangenen Jahren zwar einiges getan, dennoch ist fast die Hälfte aller Kommunen in Deutschland kommunikativ nicht auf Krisensituationen vorbereitet. Die Ursache liegt unter anderem in einer fehlenden Digitalisierungsstrategie.

Große Versäumnisse

Dr. Dimitrios Argirakos, Geschäftsführer der Rico Jones GmbH: „Die Studie unseres wissenschaftlichen Mitarbeiters Lukas Müller hat gezeigt, dass da bei vielen Kommunen noch zum Teil enormer Handlungsbedarf besteht. Zwar tut sich tatsächlich etwas: Die Städte nehmen flächendeckend eine Veränderung im Informationsverhalten ihrer Bürgerinnen und Bürger wahr. Den Entscheidungsträgern ist bewusst, dass sie daher auf den verschiedenen digitalen Kanälen aktiv sein müssen. Sehr oft scheitern Maßnahmen aber auch schon daran, dass sie gar nicht erst thematisiert werden. Bei der Komplexität von Kommunikation im digitalen Zeitalter ein großes Versäumnis!“

Besonders wichtig sind die politischen Rahmenbedingungen. Anhaltende Diskussionen, etwa um die Rechtmäßigkeit der Nutzung von Social Media vor dem Hintergrund der DSGVO, erschweren Städten den Ausbau ihrer digitalen Kommunikation. Darüber hinaus gehören laut der Studie u.a. eine professionell durchdachte Digitalstrategie und dabei die Bereitschaft, von anderen Städten zu lernen, zu diesen Rahmenbedingungen. Sie erleichtern die öffentliche Kommunikationsarbeit auch außerhalb von Krisenzeiten. „Nur die wenigsten Städte haben erkannt, dass jede Maßnahme immer auch Teil einer E-Government-Entwicklung sein muss. Selbst das digitalisierte Bürgerbüro auf dem Land muss sich in einer kommunalen Kommunikationsstrategie wiederfinden.“

Die ganze Tragweite diesbezüglicher Versäumnisse zeigt sich beispielsweise angesichts einer Pandemie oder einer anderen Katastrophe. Argirakos: „Vor dem Hintergrund der uns noch lange begleitenden Corona-Krise muss hier eher heute als morgen gehandelt werden.“

Krisenkommunikation: Möglichst rasch möglichst viele Menschen erreichen

„Unsere Studie hat jedoch auch gezeigt, dass annährend die Hälfte der befragten Kommunen allein aus Personalmangel nicht dazu in der Lage ist, eine Krise adäquat im digitalen Raum zu begleiten“, betont Markus Hündgen, ebenfalls Geschäftsführer von Rico Jones. „Wenn man an die Fragen zur Corona-Krise denkt, wird deutlich, wie wichtig es ist, im ersten Schritt möglichst rasch möglichst viele Menschen zu erreichen.“

Die Studie stellt zudem heraus, dass die kommunale Präsenz auf diversen Social-Media-Kanälen ein wichtiger Baustein ist. Aber: „Ein Facebook-Auftritt des Bürgermeisters, ein Twitter-Kanal des Gesundheitsamts und vielleicht noch ein Instagram-Account des Kulturamts reichen nicht aus – schon gar nicht, wenn sie weder strategisch durchdacht, noch entsprechend koordiniert bespielt werden“, sagt Markus Hündgen. „Fest steht: Ohne ein strategisches Fundament ist eine Ausweitung von digitalen Kommunikationsplattformen schlicht sinnlos, vielleicht sogar schädlich. Vollkommen unterschätzt werden auch Maßnahmen zur Evaluation, also eine Qualitätskontrolle, durch die die Verantwortlichen klar erkennen können, welche Kommunikationsmaßnahmen erfolgreich waren und welche nicht. An dieser Stelle stehen die Kommunen noch weit am Anfang.“

Vor diesem Hintergrund hat das Rico Jones-Team u. a. eine Checkliste entwickelt, die Entscheidungsträgern in Städten und Gemeinden dabei helfen soll, den Stand ihrer Möglichkeiten bei der digitalen Krisenkommunikation realistisch einzuschätzen. Ziel ist es, Lücken bei der Bewältigung der aktuellen Corona-Situation aufzudecken und sich gleichzeitig für künftige Szenarien zu wappnen.

Die Studie – Keyfacts

Die wissenschaftliche Studie „Digitale Städtekommunikation in Deutschland – Warum Kommunen nicht auf Krisen vorbereitet sind“ entstand auf der Grundlage einer deutschlandweiten demoskopischen Untersuchung. Hierbei handelte es sich um die erste bundesweite Umfrage zum Thema digitale Städtekommunikation, die sich nicht auf die Nutzung sozialer Netzwerke beschränkt, sondern ebenso ein starkes Augenmerk auf Prozesse, Strukturen und Umweltfaktoren legt. Die Studie vereint Elemente aus Politik- und Kommunikationswissenschaften, aus der Organisationssoziologie und den Wirtschaftswissenschaften. Hervorgegangen ist das Ganze aus einer Abschlussarbeit an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Für die Durchführung wurde ein Fragebogen mit 54 vollständig anonym zu beantwortenden Fragen entwickelt, der an alle deutschen Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern geschickt wurde. Der Beantwortungszeitraum erstreckte sich vom 15. Oktober bis zum 29. November 2019, wobei es wegen anhaltender Nachfrage zu mehrmaligen Verlängerungen kam. Mehr als 30 Prozent der angeschriebenen Kommunen haben den Fragenbogen vollständig beantwortet. Insgesamt haben 60 Prozent aller Städte in Deutschland mit mehr als 200.000 Einwohnern an der Umfrage teilgenommen.